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bbs nürnberg: tastend und fühlend durch unsere U-Bahn-Werkstatt

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Geschätzte Lesezeit ca. 4 Minuten

Inhalt dieses Artikels

Marlene ist 19 und Jeanne ist 22 Jahre alt. Zusammen mit ihrer Ausbildungsklasse und ihren Lehrer*innen besuchen sie unsere U-Bahn-Werkstatt. Wissbegierig und voller Neugierde wollen sie alles rund um unsere neuen U-Bahn-Züge, den G1, wissen.

Eine Sache brennt ihnen dabei besonders unter den Nägeln: Wie schaut die U-Bahn eigentlich von unten aus, was passiert dort technisch, wenn sie im fahrenden U-Bahn-Zug sitzen. Genau genommen sieht das kein Fahrgast so richtig. Aber bei Jeanne, Marlene und ihren Mitschüler*innen ist es wörtlich gemeint. Denn die 14 Jugendlichen sind blind oder haben eine starke Einschränkung im Sehvermögen.

Enge Zusammenarbeit zwischen uns und dem bbs nürnberg

„Schon seit vielen Jahren kooperieren wir, das bbs nürnberg, mit der VAG und organisieren unter anderem einen Besuch in der U-Bahn-Werkstatt“, erklärt Reha-Lehrerin Ines Hübschmann vom Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte (bbs nürnberg). Der Besuch mache es den Jugendlichen möglich, das Fahrzeug zu ertasten, es zu verstehen. Das sei für sie ein wichtiger Baustein beim sicheren Nutzen des ÖPNV, insbesondere der U-Bahn.

Seit 2019 ist Marlene blind. Von einem auf den anderen Tag hat sie ihr Augenlicht verloren; Ursache war ein nicht erkannter Hirntumor. Wegen einer Augenkrankheit ist Jeanne seit vergangenem Sommer beinahe vollständig erblindet. Manchmal kann sie Umrisse noch erkennen, mehr nicht. Solche Schicksalsschläge heben die eigene Welt vollständig aus den Angeln. Wie sie sich fühlen müssen, mit dem Wissen, nie wieder sehen zu können, kann man wahrscheinlich nicht einmal annähernd nachvollziehen. Doch gerade einmal drei Jahre später bei Marlene bzw. ein Jahr nach der Diagnose bei Jeanne stehen in der U-Bahn-Werkstatt zwei humorvolle, intelligente junge Frauen, die alles rund um den Aufbau und die Funktion der neuen U-Bahn-Züge wissen wollen.

Tastend und fühlend den G1 entdecken

Begleitet werden sie bei ihrem Ausflug von unserem Mitarbeiter Bernd Zeitler, der sich bei der VAG um die Belange mobilitätseingeschränkter Menschen kümmert und Horst Netter, Mitarbeiter der Qualitätssicherung in unserer U-Bahn-Werkstatt. „Das Bauteil ist rund, schwer und klein. Ich fühle längliche Rillen, die diagonal angeordnet sind. Ganz eng nebeneinander. Ich nehme an, das ist ein Teil des Getriebes“, sagt Jeanne, als Bernd Zeitler behutsam ihre Hände über das ausgebaute Technikteil führt. „Besser hätte ich es nicht beschreiben können, das ist genau richtig“, lobt Bernd Zeitler.

Anschließend dürfen die Schüler*innen ein sehr großes Bauteil des G1 ertasten: Zwei Räder, das Getriebe und die Bremsbacken. Gleich fällt Marlene auf, dass an den Rädern an der Außenseite zwei Erhebungen sind, das Rad also unterschiedlich hoch ist. Das, so erklärt Horst Netter, ist der sogenannte Spurkranz. Wofür man den braucht, ist Marlene sofort klar: „Wir wollen ja nicht, dass die U-Bahn-Züge aus den Gleisen hüpfen.“ Jeanne interessiert sich besonders für die Spurbreite, also den Abstand von Rad zu Rad. Nachdem sie einmal das gesamte Bauteil abgetastet hat, gibt sie eine Schätzung ab: „Ich denke, das sind in etwa 150 Zentimeter“. Faszinierenderweise liegt sie damit fast richtig, sagt Netter, denn die Spurbreite beträgt rund 143 Zentimeter.

Unter dem U-Bahn-Zug

Neben einzelnen Bauteilen stehen in der U-Bahn-Werkstatt auch Züge. Entweder zur Wartung oder weil sie repariert werden müssen. Ein U-Bahn-Zug ist gerade auf einer Art Hebebühne, sodass man drunter durchgehen kann. Die Schüler*innen stellen sich unter den G1-Zug und erfühlen alle Komponenten. Ein Teil, das ein wenig vom Zug absteht, ordnet Jeanne direkt richtig zu: „Ich vermute, darüber nehmen die Bahnen ihren Strom auf.“ Auch hiermit landet sie einen Treffer. Die Stromabnehmer, erklärt Netter, gleiten unter der Stromschiene entlang. Die Stromschiene ist grau und liegt gegenüber der Bahnsteigkante. „Darüber laufen 750 Volt Gleichspannung, das ist absolut lebensgefährlich“, erklärt er. Währenddessen versucht Marlene einen Stoßdämpfer unter einem Waggon nach oben zu drücken. Wie viel Druck sie aufwenden muss, um ihn zu bewegen und die erfühlte Größe des Stoßdämpfers geben ihr Aufschluss darüber, über welche Dimensionen wir bei U-Bahnen sprechen.

Unsere und Bahnen kommen gut an

„Unsere Schüler*innen kommen aus ganz Deutschland zu uns ins bbs nürnberg. Viele von Ihnen haben vorher auf dem Land gewohnt und waren nie oder nur kaum mit Bus und Bahn unterwegs. Sie müssen erst einmal ÖPNV-affin werden“, sagt Ines Hübschmann. So ist es auch bei Jeanne und Marlene. Beide kommen aus kleinen Dörfern in Baden-Württemberg. Obwohl sie nichts sehen, kommen sie mit unseren VAG-Bussen und VAG-Bahnen gut zu Recht. Jeanne und Marlene sind sich einig: „Das Angebot ist in Nürnberg wirklich gut. Bestimmt gibt es Dinge, die für uns besser sein könnten. Aber insgesamt sind wir sehr zufrieden“.

Sicherheitseinrichtungen im G1

Im G1-Zug geht die Entdeckungstour weiter. Ein besonderes Augenmerk legt Bernd Zeitler auf die Notrufeinrichtungen. „Wann immer ihr oder auch jemand anderes im Zug ein Problem habt, könnt ihr jederzeit die Notruftaste drücken“. Ihr seid dann, so Zeitler weiter, direkt mit dem Fahrer oder der Fahrerin im G1 verbunden. Der Nothalt dürfe nur in absoluten Gefahrensituationen gezogen werden, beispielsweise wenn am Zug ein technischer Defekt besteht. Sorgfältig und konzentriert tasten die Schüler*innen den Nothalt und den Notruftaster ab. Jeweils darunter steht in Brailleschrift die Erklärung.

Achtsamkeit am Bahnsteig

Wenn Bernd Zeitler mit den Jugendlichen spricht und erklärt, hören ihm alle aufmerksam zu. Das liegt daran, dass er einmal die fachliche Erfahrung über den G1-Zug und über die VAG hat, schließlich arbeitet er schon seit 22 Jahren bei uns. Aber er hat auch das nötige Fingerspitzengefühl und gleichzeitig eine lockere und entspannte Art, mit den Jugendlichen umzugehen. Zum Ende der G1-Etndeckungstour gibt er allen einen wichtigen Rat mit auf den Weg: „Seid an unseren Bahnsteigen achtsam. Nutzt das Blindenleitsystem, ertastet vor dem Einsteigen den Boden des Fahrzeuges mit dem Blindenstock und passt auf euch auf. Tut es mir zuliebe.“

Autorin: Yvonne Rehbach 
Fotos: Yvonne Rehbach

Yvonne Rehbach

Yvonne Rehbach studierte Ressortjournalismus in Ansbach mit dem Themenschwerpunkt Energie- und Umwelttechnik. Während des Studiums sammelte sie Erfahrungen im Hörfunk, beim Fernsehen, im Tageszeitungs- und Onlinejournalismus. Nach freiberuflicher Tätigkeit im Lokaljournalismus führte sie ihr Weg ab 2013 zur VAG. Dort gestartet als Volontärin, ist sie seit 2015 Pressereferentin. Themenschwerpunkte sind Baustellen, die sie rundum presseseitig betreut. Aber auch zu allen anderen Themen schreibt und produziert sie gerne für die VAG-eigenen Medien. Ihr Motto: Nachhaltige Mobilität leben, clever kombinieren und anderen schmackhaft machen.

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