Rollifahrerin Luca Fischer fährt mit Bus und Bahn: Organisation ist das halbe Leben

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Luca Fischer, Mitte 20, Studentin ist eine außergewöhnliche junge Frau. Sie ist ein ausgesprochen positiver Mensch, der das Gegenüber sofort für sich einnimmt. Vielleicht noch ein bisschen mehr, weil sie im Rollstuhl sitzt und so gar keine Berührungsängste aufkommen lässt. Ihr Lächeln siegt. Alles ist normal. 

Luca Fischer ist mit dem oder besser im Rolli groß geworden, lebt inzwischen in Nürnberg und nutzt seit knapp einem Jahr für ihre täglichen Wege die öffentlichen Verkehrsmittel in Nürnberg und der Region – ist also auch mit der VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft unterwegs. Der Einstieg oder besser Umstieg auf Busse und Bahnen erfolgte nicht ganz freiwillig, aber sie ist längst überzeugte ÖPNV-Kundin. Gesucht haben wir sie, um neue Fotos für unser Archiv zum Thema Barrierefreiheit zu machen. Bekommen haben wir auch einen interessanten Einblick für unseren Blog. Luca Fischer erzählt uns, was Mobilität für sie bedeutet und nimmt uns mit. 

„Mit Handicap, aber ohne Pkw klarzukommen — das ist ein Stück meines Alltags geworden. Noch vor einem Jahr gab es nur mich, mein Auto und gelegentlich eine U-Bahn-Fahrt. Ich mochte die Routine mit meinem Auto und intervenierte oft, wenn mein Freund vorschlug, mit der U-Bahn ins Stadtzentrum zu fahren.

Dann, vor fast genau einem Jahr, musste ich meinen Pkw, wenn auch erst einmal unfreiwillig, gegen die öffentlichen Verkehrsmittel eintauschen. Mein knapp sechs Jahre altes Auto versagte von einem Tag auf den anderen seinen Dienst. Mehrere Werkstätten konnten mir mit meinem Auto nicht weiterhelfen, reparierten es über viele Wochen kaputt. In der Zwischenzeit organisierte ich mir meinen Alltag neu, denn das Semester begann wieder. Meine Herausforderung: Viermal pro Woche von Nürnberg nach Ansbach mit den Öffis pendeln. Dort studiere ich Journalismus, ein kleiner Traum von mir. Genauso wie in Nürnberg weiterhin wohnen zu bleiben.

Mein Status Quo

Ich lege die meisten Wege mittlerweile mit den Öffis zurück, außer ich habe Lust auf einen ausgedehnten Spaziergang durch Nürnberg. Innerhalb der Stadt nutze ich die U-Bahn, gelegentlich den Bus oder die Straßenbahn. Und, Überraschung, es funktioniert in meinem Fall und hat mir eine wichtige Erkenntnis gebracht, auf die ich gleich zurückkomme.

Ich bin in einer Stadt in Oberfranken aufgewachsen. Busfahren war mir aus meinen letzten Jahren während der Schulzeit bereits bekannt. Nun kam die Entfernung zwischen Nürnberg und Ansbach hinzu und dass ich inzwischen weg von einem Großteil meiner Familie gezogen war.

Auto = Unabhängigkeit?

Schon als Kind wollte ich am liebsten alles so machen wie körperlich gesunde Menschen. Ich wollte unabhängig von anderen Menschen sein. Seit ich keinen Pkw mehr besitze, habe ich sehr viel über Unabhängigkeit nachgedacht und was das wirklich bedeutet. Kann ich als Rollstuhlfahrerin nur ein unabhängiges Leben führen, wenn ich ein fahrtüchtiges Auto besitze? Als mein Auto plötzlich weg war, wurde mir bewusst, dass ich gar nicht wirklich unabhängig gewesen war. Ich war abhängig von meinem Auto. Von dem Wissen, dass es mich und meinen Rollstuhl von A nach B transportieren konnte und von dem Gefühl, dass es einfach nur vor der Wohnungstür stand und ich mich auf es verlassen konnte. Das konnte ich zumindest mehr als fünf Jahre lang.

Veränderungen und neue Erkenntnisse

Einerseits muss ich mich in meinem Alltag mit den Öffis mehr organisieren, andererseits habe ich die Wahl zwischen U-Bahn, Straßenbahn, Bus und S-Bahn oder Bahn. Und ich fühle mich dadurch flexibel. Die Öffis, das verwundert wahrscheinlich viele Kritikerinnen und Kritiker, sind zuverlässiger, als es mein Auto im letzten Jahr war. Abgesehen von Staus.

Nun bin ich bei der Erkenntnis angelangt, die ich anfangs erwähnte. Jetzt bin ich wirklich frei. Ich selbst kann entscheiden, wie es weitergeht: mit der U-Bahn, der Straßenbahn, dem Bus, der S-Bahn oder doch „zu Fuß“, also mit dem Rolli, an die frische Luft. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Ein toller Nebeneffekt meines Weges zur Hochschule sind die neuen Kontakte, die ich zu anderen Kommilitonen geknüpft habe. Bis heute fahren wir meistens zusammen nach Ansbach. Das ist auch das Beste an meinem Weg. Sich zugehörig zu fühlen. Und das passiert eben am einfachsten, wenn man macht, was alle anderen auch machen.

Der ganz normale Wahnsinn

Ich denke, meine Erfahrungen mit den Öffis sind ähnliche Erfahrungen, wie sie andere, körperlich gesunde Menschen, machen. Manchmal fällt eine U-Bahn aus, mal fährt direkt eine vor der Nase weg oder Mitmenschen sind unfreundlich — aber das geht jeder und jedem so. Weil ich sehr fit bin, auch mit Rollstuhl, komme ich überall ohne Hilfestellung hinein. Trotzdem wird mir oft Unterstützung angeboten und ich treffe auf viele offene, hilfsbereite Menschen. Das ist in meinen Augen auch eine schöne Erkenntnis. Besonders, weil meist die Rede von einer Ellenbogengesellschaft hierzulande ist.

Was die Barrierefreiheit angeht, finde ich, dass Mittelfranken auf einem guten Weg ist. Allgemein sind die öffentlichen Verkehrsmittel besser, als es ihr Image ist. Zumindest in einer Großstadt, wie Nürnberg. Auch in Fürth und Erlangen komme ich gut mit U-Bahn, S-Bahn und dem Bus klar. Je nachdem, was es gibt. Niedrigere Haltestangen in allen Bussen und Fahrzeugen wären dennoch eine sinnvolle Sache für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer. Nicht immer gibt es diese.

Richtig anstrengend und nervig wird es, wenn Aufzüge defekt sind oder erneuert werden, wie in diesem Jahr am Nürnberger Hauptbahnhof. Der Austausch eines Aufzugs dauert hier teilweise mehr als fünf Monate. Da muss ich dann kreativ werden. Ein gewisser Gewöhnungseffekt ist hier aber (leider) bereits eingetroffen.“

Luca Fischers Fazit

Zum Schluss ihrer Erfahrungen mit und rund um den ÖPNV kommt Luca Fischer zu dem Ergebnis: „Will ich unabhängig von meinen Mitmenschen von A nach B kommen, dann werde ich in den meisten Fällen einen Weg finden, auch wenn der Weg eine halbe Stunde länger dauert und ein bisschen anstrengender ist. Oft, natürlich nicht immer, ist es eine Sache des Willens. Ich bleibe jedenfalls erstmal auf unbestimmte Zeit bei den Öffis!“

Wir wünschen Luca Fischer weiterhin gute Erfahrungen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Pünktlichkeit und Sicherheit sind ihr neben der Barrierefreiheit der Fahrzeuge wie der Haltestellen und aktuelle (Echtzeit-)Informationen besonders wichtig. Alles Gute, gute Fahrt, Luca Fischer!

Hier auf dem Blog weitere Beiträge zum Thema Barrierefreiheit. Z. B. über Sehbehinderung, barrierefreien Zugang, die App Lotse für Sehbehinderte und in Zusammenarbeit dem dem städtischen Unternehmen NOA.Kommunal bieten wir einen Begleitdienst in Bussen und Bahnen für mobilitätseingeschränkte Menschen. Mehr Infos auch hier

 

Text: Luca Fischer, Elisabeth Seitzinger
Fotos: VAG – Andreas Neuer 

 

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Wir über uns: Eine U-Bahn stehend am Rathenauplatz, Fahrgäste am Bahnsteig.Unsere Busse und Bahnen umrunden täglich fast zwei Mal die Welt und bringen rund 600.000 Fahrgäste jeden Tag sicher, zuverlässig, schnell und bequem an ihre Ziele. Um reibungslose Abläufe kümmern sich rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, etwa 2.200 Mitarbeiter*innen.

 

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