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Die Hitzeschäden vom Samstag, 27. Juni 2026 an Straßenbahnen und Strecke waren massiv. Überall Bitumen. Der Straßenbahnbetrieb der VAG musste eingestellt werden. Fahrzeuge und Straßenbahngleise und -weichen mussten mit Hochdruck gereinigt werden.
Die gute Nachricht zuerst: Mit Betriebsbeginn am Mittwoch, 8. Juli 2026 konnten wir weitere Streckenabschnitte unseres Straßenbahnnetzes in der Südstadt und Richtung Hauptbahnhof wieder in Betrieb nehmen. Weitere werden zum Wochenende hinzukommen. Mitte nächster Woche, knapp zwei Wochen nach dem Ereignis, sollen alle Straßenbahnlinien wieder wie gewohnt fahren.
Dank des unermüdlichen Einsatzes unserer Kolleg*innen vom Fahrweg und der Schienenwerkstätten kommen wir Schritt für Schritt voran.
Wir wollen Sie, liebe Leser*innen, nun gerne auch in unserem Blog über die Hitzeschäden bei der Straßenbahn informieren. Ein Einblick in eine außergewöhnliche Situation, die wir uns so zuvor nicht vorstellen konnten.
Hitzeschäden an Fahrzeugen und Schienen
Die Situation am Samstag, 27. Juni war für uns nicht vorhersehbar. Am späten Nachmittag kamen in unserer Leitstelle plötzlich vermehrt Meldungen von Fahrer*innen, dass sich die Bitumenmasse längs der Schienen löst. Sie liege auf und neben den Gleisen.
In Rücksprache mit der zuständigen Fachabteilung und dem Betriebsleiter wurde entschieden, dass der gesamte Straßenbahnbetrieb eingestellt wird.
Tagelange Hitze macht Bitumen weich
Ursache für die Probleme mit dem Bitumen war die tagelange Hitze. Jeden Tag höhere Temperaturen, am Samstag teils an die 40 Grad Celsius, kaum Abkühlung nachts, direkte Sonneneinstrahlung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf die Verkehrswege. An den Schienen stieg die Temperatur deutlich über 70 Grad Celsius. Dann trat der Effekt ein, den die VAG so nicht ansatzweise kannte oder hätte erwarten können. Die Stichworte Kipppunkt und Kettenreaktion passen hier tatsächlich gut.
Überall Bitumen
Binnen kurzem klebte Bitumenmasse an den Fahrwerken und Rädern der Straßenbahnen meist in großen Mengen. Je nachdem, wo die Bahnen gerade unterwegs waren. Auf und neben den Schienen viele große und kleine Bitumenbatzen. Klebte schon einmal etwas an den Rädern kamen weitere Mengen hinzu. Zu weiches Bitumen hängt an den Rädern fest, zieht sich dann wie sehr fester Kaugummi, bis es reißt und sich entweder auch um die Räder wickelt oder auf den Schienen oder daneben liegen bleibt.
Ein Material mit vielen guten Eigenschaften
Bitumen ist im Nürnberger Straßenbahnnetz überall dort verbaut, wo die Schienen im Straßenraum bzw. in asphaltierten Haltestellen liegen. Der Bitumenstreifen füllt die schmale Lücke zwischen Schiene und Asphalt. Abgesehen von der Abdichtung des Streifens zum Schutz des darunterliegenden Gleiskörpers hat Bitumen dämpfende Wirkung, sorgt dafür dass Straßenbahnen leiser und komfortabler rollen. Also weniger Körperschall an die Umgebung übertragen wird und das Überfahren der Schienen sanfter erfolgt. Insbesondere im Winter schützt Bitumen auch vor Streusalz.
Erste Bestandsaufnahme der Hitzeschäden
Nachdem die Fahrzeuge in den Straßenbahnbetriebshof Heinrich-Alfes-Straße eingerückt waren, erfolgte eine erste grobe Sichtung, ebenso entlang des Streckennetzes. Das Ergebnis bitter: So konnte kein Straßenbahnbetrieb erfolgen, zumal weitere Schäden zu erwarten waren.
Das gesamte Streckennetz für die Straßenbahn war betroffen, wenn auch unterschiedlich stark. Je nach Bauweise des Gleises, der Lage des Gleises und der Anzahl der Fahrten über das Gleis. In Summe waren rund 40 Kilometer beschädigt. Auch die Gleise im Betriebshof an der Heinrich-Alfes-Straße wurden von den einrückenden Bahnen verunreinigt.
Betroffen waren auch 52 Straßenbahnwagen. Je nachdem, wo sie unterwegs waren, mehr oder weniger. Das Bild, das sich der Werkstatt Schienenfahrzeuge, aber auch dem Bereich Fahrweg bot, war erschreckend.
Für Sonntag musste Verstärkung her. Die Mitarbeitenden des Straßenbahnbetriebshofes, der U-Bahn-Werkstatt und des Fahrwegs wurden verständigt und um Hilfe gebeten. Und sie kamen. Das Team Fahrweg startete umgehend das Entfernen der Bitumenbatzen im Straßenraum. In der Straßenbahnwerkstatt wurden die ersten vier Fahrzeuge von der Abstellhalle in die Werkstatt auf die Gruben gefahren, um mit einem Blick unter den Wagenkasten die Schäden besser einschätzen zu können.
Reinigungsprozess wird definiert
Da es keine Erfahrungen mit Bitumenschäden in dieser Größenordnung gab, musste sowohl für die Gleise als auch für die Straßenbahnräder und Drehgestelle überlegt werden, wie man das festgeklebte und überall verteilte Bitumen wieder entfernen konnte. Hilfe leisteten noch am Sonntag Kollegen der Karlsruher Verkehrsbetriebe, die vor einigen Jahren ein ähnliches Ereignis hatten.
Die Fragen am Anfang: Was brauchte man für die Reinigung, was war im Lager, wer konnte eventuell unterstützen – intern wie extern. Wie mussten die Prozesse organisiert werden, damit möglichst schnell wieder der Betrieb aufgenommen werden konnte. Und wie mussten die Mitarbeitenden unter Arbeitsschutzaspekten für diese Tätigkeiten ausgestattet sein: vom Schutzanzug bis zur Atemmaske.
Eine hochprofessionelle Mannschaft packt an: die Straßenbahnwerkstatt
Im Betriebshof Heinrich-Alfes-Straße arbeiten die Mitarbeiter*innen der Werkstatt teils rund um die Uhr im Drei-Schicht-Betrieb. Unterstützt wurden sie von Kolleg*innen aus der U-Bahn-Werkstatt sowie von externen Dienstleistern. Die Fäden liefen beim Geschäftsbereichsleiter Thomas Luber, dem Chef der Werkstatt Tobias Schneider sowie dem Techniker Thomas Jütten zusammen. Sie teilten sich die organisatorischen Aufgaben, behielten die Prozesse im Auge und tauschten sich mit der Mannschaft aus.
An den ersten beiden Tagen schafften die Kolleg*innen drei Fahrzeuge. Aber ab Tag 3 waren sie so ausgestattet und im Flow, dass sie zwischen sieben und in der Spitze 13 Fahrzeuge an einem Tag schafften. Die Arbeit war alles andere als schön. Es roch überall nach Bitumenlöser, es war laut, es musste über Kopf gearbeitet werden. Maschinell unterstützt, aber auch händisch. Und es war insbesondere in den ersten Tagen viel zu heiß. Kein Lüftchen durchzog die Werkstatt, obwohl alle Tore offen waren.
Teamgeist als Zauberformel
Dabei freuten sich die Kolleg*innen über jeden Fortschritt. Hatten trotz der unglaublichen Arbeit auch gegen Ende der Schicht ein Strahlen im Gesicht, das signalisierte: „Wir packen das gemeinsam.“ Wie meinte einer der Kollegen: „Wenn ich grantig schaue, wird es auch nicht anders.“ Und je mehr Tage, desto mehr schien der Bereich im Challengemodus, klatschte sich nach jedem Fahrzeug, das gemacht war, ab.
Als Belohnung gönnten sie sich immer wieder mal eine Trinkpause – ganz wie die WM-Fußballspieler – oder wurden mit einem Eis belohnt.
Reinigung unter Extrembedingungen
Wie beim Gleis war auch der Reinigungsprozess bei den Straßenbahnen mehrstufig. Zunächst mussten die groben Verunreinigungen weg, also die großen Mengen Bitumenmengen – bis zu 300 Kilogramm pro Fahrzeug. Dann ging es in einer zweiten Stufe der nächsten Schicht an den „Kragen“. Hier erwies sich Bitumenlöser als hilfreich. Allerdings mussten die notwendigen Mengen erst beschafft werden. Nur eine kleine Menge stand beim Start im Lager der U-Bahn-Wagenwerkstatt.
Ausgestattet mit Filtermaske, Schutzbrillen, Gehörschutz und langen Schutzhandschuhen entfernen die Kolleg*innen die hartnäckige, klebrige Masse in aufwendiger Handarbeit. Eine echte Sisyphusarbeit.
Mit Trockeneis Bitumen restlos entfernen
Bei der Fahrzeugreinigung kam zudem ein besonderes Verfahren zum Einsatz: Trockeneisstrahlen.
„Beim Trockeneisstrahlen werden gefrorene Kügelchen mit hohem Druck gegen das zu reinigende Material geschleudert. Es gibt viele kleine Miniexplosionen“, erklärt Thomas Luber, Bereichsleiter Werkstatt bei der VAG. Durch die starke Kälte von rund minus 78 Grad Celsius verspröden so die Bitumenreste und lösen sich von der Oberfläche, während das Trockeneis beim Auftreffen direkt in Gas übergeht und keine zusätzlichen Rückstände hinterlässt. Das Verfahren gilt als besonders materialschonend und eignet sich deshalb gut für empfindliche Fahrzeugkomponenten. Anders beispielsweise als Sandstrahlen.
Diese Arbeit war körperlich äußerst anspruchsvoll. Das Strahlverfahren verursachte ständig erheblichen Lärm, gleichzeitig mussten die Beschäftigten komplette Schutzkleidung tragen. Allein die Arbeit in den Ganzkörper-Schutzanzügen brachte die Mitarbeitenden schnell ins Schwitzen. Spezielle Schutzhelme schützten die Augen und führten über Sauerstoffflaschen Luft zu.
Das neue Teammitglied: ein selbständiger Spezialist
Das Know-how und die Ausstattung fürs Trockeneisstrahlen hat übrigens ein Nürnberger Selbständiger eingebracht. Bereits am Sonntag hatte Tobias Schneider ihn angeschrieben und kaum geschrieben meldete er sich und bot seine Hilfe an. Er kam noch am Sonntag zur Sichtung der Schäden und zum ersten Test. Am Montag rückte er mit größerer Ausrüstung an, leitete einige VAG-Werkstattmitarbeiter an und verbrachte schließlich lange Tage und 52 Züge unter diesen, auf dem Waschgleis der Werkstatt.
Zusätzliche Herausforderungen
Erschwert wurden die Arbeiten am Tag fünf der Hitzeschäden zudem durch äußere Umstände. So legte ein Stromausfall die Straßenbahnwerkstatt zeitweise für mehrere Stunden lahm. Frust pur. auch die Beschaffung des Dieselkraftstoffs für die benötigten Kompressoren stellte die Verantwortlichen zwischenzeitlich vor Herausforderungen, da am 30. Juni der Tankrabatt endete und die Schlangen an den Tankstellen lang waren.
Trotzdem zeigte sich Thomas Luber jeden Tag zuversichtlich(er): „Dank des außergewöhnlichen Engagements unserer Mitarbeitenden sowie der Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen, wie der Arbeitssicherheit, und externe Dienstleister kommen wir zügig voran. Bei einigen Fahrzeugen muss allerdings das Fahrwerk ausgebaut werden – das wird entsprechend mehr Zeit in Anspruch nehmen.“
Werkstatt meldet: „Fertig“
Am Dienstag, 7. Juli vermeldete die Straßenbahnwerkstatt: Der letzte Zug ist fertig. Wie der Hochwasserzug vor zwei Jahren bekam auch dieser letzte zur Erinnerung einen Aufkleber an das Ereignis. Mit einem Gruppenbild feierte das Team seine Leistung und hofft gleichzeitig, dass es die Leistung Hitzeschaden nicht mehr zeigen muss.
Am Wochenende folgt ein weiterer Blog-Beitrag. Dann über die Reinigung der Schienen.
Autoren: Elisabeth Seitzinger, Barbara Lohss
Foto: Andreas Neuer
Ausgestattet mit Schutzbrillen, Gehörschutz und langen Schutzhandschuhen entfernen die Kolleg*innen die hartnäckige, klebrige Masse in aufwendiger Handarbeit. Eine echte Sisyphusarbeit.

Unsere Busse und Bahnen umrunden täglich fast zwei Mal die Welt und bringen rund 600.000 Fahrgäste jeden Tag sicher, zuverlässig, schnell und bequem an ihre Ziele. Um reibungslose Abläufe kümmern sich rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, etwa 2.300 Mitarbeiter*innen.



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